FeelGood-Coaching · Impuls
Du kannst nicht stark sein, wenn Du nicht stark bist.
Neulich im Erstgespräch.
Man sah ihr die Erschöpfung an. Tiefe Stirn- und Mundfalten, fahle Haut, eine müde Haltung. Es war kaum zu übersehen.
Während sie erzählte, was in den vergangenen Jahren alles passiert war, wurde auch schnell klar, warum sie sich so fühlte.
Das Leben hatte ihr einiges zugemutet. Nicht auf einmal. Sondern Stück für Stück. Über Jahre hinweg. Da waren Todesfälle, eine dramatische Trennung, Jobverlust, Veränderungen, die sie sich nicht ausgesucht hatte. Und jede Menge Situationen, die Kraft kosteten.
Und doch … Ich sah noch etwas anderes. Während sie erzählte, blitzte immer wieder ein kleines Funkeln in ihren Augen auf. Da war etwas.
Also sagte ich fast beiläufig: „Du kannst auch ein bisschen stolz sein, wie Du das alles schaffst, oder?“
Treffer. Da war das Funkeln wieder. Ganz eindeutig und stärker als vorher.
Gleichzeitig kam ihre Antwort: „Ach was. Das würde doch jeder so machen.“ Sie zog die Schultern bis zu den Ohren und sank noch ein bisschen tiefer in den Sessel.
Nee, dachte ich. Würde nicht jeder.
Doch Menschen, die ihr Leben lang stark waren, glauben das oft.
Ich schreibe hier ganz bewusst nicht: Menschen, die stark sein mussten.
Denn genau an diesem Punkt habe ich über die Jahre hinweg eine völlig andere Einsicht gewonnen.
Je länger wir sprachen, desto deutlicher wurde ihr Muster.
Bereits als Kind hatte sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Auf Stimmungen zu achten. Konflikte zu vermeiden. Dafür zu sorgen, dass es allen gut geht, dass alles schön harmonisch ist.
Das tun sehr viele Kinder. Und ich möchte heute mal weg von diesem Gefühl, was sie alles tragen „mussten“, weil die Eltern oder das System nicht dazu fähig war.
Ja, meine Klientin hatte viel getragen.
Ja, sie hatte früh Verantwortung übernommen.
Ja, ihre Kindheit hatte sie geprägt.
Aber all das erklärt noch nicht, warum sie genau dieses Muster entwickelt hat.
Denn Kinder reagieren unterschiedlich. Das eine Kind wird still. Das andere wird krank. Das nächste rebelliert. Wieder ein anderes zieht sich zurück.
Und manche werden stark. Sehr stark.
So stark, dass sie Dinge tragen können, an denen andere zerbrechen würden.
Deshalb möchte ich den Blick auf etwas anderes richten:
wenn Du nicht stark bist.
Bitte lass den Satz mal sacken und wirken.
Viele Menschen sind in einer Art Opferhaltung oder Schuldzuweisung gefangen. Ja sorry, ich weiß, dass sich das für den einen oder anderen liest, als würde ich den Schmerz, die Müdigkeit und die Erschöpfung nicht anerkennen.
Dabei ist es genau umgedreht.
Eben WEIL ich sie anerkenne, habe ich mich auf die Suche gemacht, was dahinter steckt.
Denn vielleicht besteht Deine Heilung nicht darin, endlich anzuerkennen, wie schwach, hilflos oder überfordert Du damals warst oder Dich heute fühlst.
Nicht trotz Deiner Geschichte. Sondern mit ihr. Weil Du Du bist. Weil diese Stärke in Dir angelegt ist. Schon immer.
Das Problem ist nur:
Wenn Stärke nie gewürdigt wird, wird sie irgendwann zur Last.
Dann schaut man nur noch auf das, was wehgetan hat. Auf das, was andere versäumt haben. Auf das, was man tragen musste.
Und irgendwann entsteht das Gefühl, Opfer der eigenen Geschichte zu sein.
Und genau dort bleiben viele Menschen stecken. Weil sie zwar verstanden haben, warum sie geworden sind, wie sie geworden sind. Aber noch nicht erkannt haben, wer sie eigentlich (wirklich) sind.
Meine Klientin begann in dem Moment anders auf ihr Leben zu schauen, als ihr das bewusst wurde. Zum ersten Mal konnte sie ihre Stärke bewusst anerkennen. Sich dafür feiern.
Und plötzlich war da nicht nur das Funkeln in ihren Augen.
Ihre Haltung veränderte sich. Ihr Gesicht leuchtete, die Falten glätteten sich und sie sah entspannt aus. Gelöst, stark und glücklich zugleich.
Und weil ich das nicht zum ersten Mal erlebe, bin ich inzwischen überzeugt davon, dass viele Menschen ihre Erschöpfung missverstehen.
Denn wie viele meiner Klienten erzählen mir, was sie schon alles probiert haben, damit die Erschöpfung aufhört. Ruhe, Entspannung, Meditation, Yoga, Therapie … ich weiß gar nicht, was noch alles.
Und doch fühlen sie sich immer erschöpfter und müder.
Und das ist kein Wunder.
Denn: Dein Körper ist nicht erschöpft und müde.
Zugegeben, er wird es. Wenn Du ihm immer weniger zutraust und zumutest. Aber häufig ist etwas anderes erschöpft: Ein Nervensystem, das seit Jahren auf Spannung läuft. Ein Nervensystem, das ständig überprüft, ob alles in Ordnung ist. Ob jemand Hilfe braucht. Ob Gefahr droht. Ob man noch mehr leisten müsste.
Diese innere Anspannung kostet unglaublich viel Energie.
Einige hier aus der Gruppe wissen, wovon ich rede. Denn seit sie im Coaching beginnen, ihre Geschichte anders zu betrachten, beruhigt sich ihr Nervensystem. Sie fühlen sich kraftvoller und lebendiger, mutiger und tatkräftiger als vorher.
Genau das ist der Knackpunkt.
Ein ruhiges Nervensystem sorgt dafür, dass Du aufhörst, Deine Energie und Stärke weiterhin gegen Dich selbst zu richten.
Und vielleicht gilt das auch für Dich. Vielleicht bist Du gar nicht erschöpft, weil Du zu schwach bist.
Herzliche Grüße
Petra 🤍
