FeelGood-Coaching · Impuls

Wir lesen immer auch uns selbst

Warum wir nie nur das lesen, was dasteht.

Vor wenigen Tagen habe ich über eine Fahrradtour geschrieben, die deutlich länger wurde als geplant.

Die Reaktionen darauf waren mindestens genauso spannend wie die Geschichte selbst.

Noch nie habe ich auf einen Newsletter so schnell so viele Antworten bekommen wie auf meine Fahrradgeschichte.

Vielen Dank für jede einzelne Nachricht. 🤍

Beim Lesen der Antworten ist mir etwas aufgefallen, das ich seit vielen Jahren beobachte – im Coaching, im Alltag und eigentlich überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen.

Wir glauben oft, wir würden dieselbe Realität betrachten.

Tatsächlich jedoch betrachten wir sie durch völlig unterschiedliche Brillen.

Besonders deutlich wurde mir das bei einer Nachricht einer Leserin.

Während ich meinen Newsletter geschrieben habe, dachte ich an die Wildblumen am Wegesrand, an die Störche auf den Feldern, an den Wind im Gesicht und an dieses Gefühl von Lebendigkeit, das mich auf dieser Fahrradtour erfasst hatte.

Die Leserin las etwas völlig anderes.

Sie schrieb von einem Menschen, der an einem Punkt angekommen war, an dem er hätte anhalten dürfen.

Der hätte sagen dürfen: Es reicht.

Der die Erschöpfung hätte annehmen können, statt sie in eine Herausforderung zu verwandeln.

Sie schrieb von Resignation, Erschöpfung, Weichheit, von Kampf und „das schaff ich auch noch“ und von Überforderung.

Als ich ihre Zeilen las, musste ich schmunzeln, weil ich mich in ihrer Beschreibung und Wahrnehmung überhaupt nicht wiederfand.

Während sie über Annehmen, Loslassen und Resignation schrieb, hatte ich auf dem Fahrrad etwas völlig anderes erlebt.

Ich hatte mich nicht erschöpft gefühlt. Nicht überfordert. Nicht im Kampf. Es gab keinen Moment der nahezu-Verzweiflung für mich.

Ich hatte mich lebendig gefühlt, kraftvoll, verbunden mit mir selbst. Und ich habe es so sehr genossen, meine Kraft zu spüren, die ich sonst doch selten so bewusst erfahre.

Ist das nicht spannend?

Menschen lesen dieselbe Geschichte und entdecken darin völlig unterschiedliche Botschaften.

Nicht, weil einer genauer hingeschaut hätte, nicht weil einer klüger ist, nicht weil einer mehr Wissen oder Verständnis hat und etwas korrekt einordnen kann.

Sondern weil wir alle die Welt durch unsere eigene Brille betrachten.

Wenn wir einen Text lesen, lesen wir nie nur die geschriebenen Worte. Wir lesen immer auch mit den Erfahrungen unseres eigenen Lebens. Mit dem, was wir gelernt haben. Mit dem, was uns geprägt hat. Mit den Geschichten, die wir über uns selbst und die Welt erzählen.

Vielleicht kennst Du das aus Gesprächen mit anderen Menschen.

Jemand schildert eine Situation und fünf Personen hören zu.

Am Ende haben alle etwas anderes verstanden.

Der eine hört Kritik, der nächste hört Wertschätzung, ein Dritter hört Ablehnung, ein Vierter eine Aufforderung, endlich mutiger zu werden.

Und nicht selten entstehen daraus erbitterte Diskussionen darüber, wer recht hat, wer die Situation richtig verstanden hat und wessen Sichtweise nun die objektive Wahrheit sein soll.

Ich erlebe das seit vielen Jahren im Coaching und beobachte es in Gesprächen, in den sozialen Medien, in der Politik und eigentlich überall, wo Menschen kommunizieren.

Menschen diskutieren oft darüber, wer recht hat.

Sehr selten fragen sie sich, warum sie zu ihrer jeweiligen Sichtweise gekommen sind.

Dabei wird es genau hier erst richtig spannend.

Unsere Wahrnehmung entsteht nicht im luftleeren Raum.

Sie wird geprägt von unserer Biografie, von unseren Erfahrungen, von unseren Überzeugungen und natürlich auch von den Dingen, die uns verletzt haben.

All das beeinflusst, worauf wir achten, was wir für wichtig halten und welche Bedeutung wir einer Situation geben.

Das ist menschlich.

Problematisch wird es erst dann, wenn wir unsere Sichtweise mit der Wahrheit verwechseln.

Stefan Zweig hat einmal geschrieben:

„Wer einmal sich selbst gefunden, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren. Wer einmal den Menschen in sich begriffen hat, der begreift alle Menschen.“

Je besser wir uns selbst kennen, desto leichter erkennen wir auch unsere eigenen Filter.

Dann merken wir schneller, wann wir gerade auf eine eigene alte Erfahrung reagieren. Wann wir etwas hineininterpretieren. Wann wir urteilen. Und wann wir vielleicht gar nicht den anderen Menschen betrachten – sondern ein Stück unserer eigenen Geschichte.

Herzliche Grüße
Petra 🤍

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